Wildtierrettung

Tierschutz Sauerlach e.V.

Mensch & Wildtier

Mensch & Wildtier

Gesetzliche Vorgaben bei der Wildtierrettung

1. Definition “Wildtier”

 

Wildtiere leben üblicherweise in der Wildnis, und sie sind – im Gegensatz zu den Haustieren – nicht domestiziert.

Die Bezeichnung ist nicht zu verwechseln mit dem Ausdruck Wild (von Jagdwild), mit dem die für die Jagd (nach § 2 BJagdG) relevanten Tiere bezeichnet werden.

 

Allgemein dient der Begriff “Wildtier” zur Charakterisierung von Tieren, die nicht zahm sind und im rechtlichen Sinne herrenlos (niemand hat Eigentum an ihnen), „solange sie sich in der Freiheit befinden“ („in freier Wildbahn“).

 

Oft wird im Sprachgebrauch eine Wildtierart den domestizierten Haustierarten gegenübergestellt, so etwa die Wildgänse, zu denen in Europa nicht nur die Graugänse, sondern auch die Kanadagänse gezählt werden oder die Wildenten, zu denen nicht nur die Stockenten gerechnet werden können.

 

Der Begriff des Wildtieres schließt zwar das jagdbare Wild mit ein, ist aber bei weitem umfassender. Unter “Wild” versteht man ausschließlich Wildtiere, die dem Jagdrecht unterliegen.

 

 

2. Sachen- und jagdrechtlicher Status

 

Wilde Tiere werden heute in den meisten Staaten sachenrechtlich als res nullius angesehen, das italienische Recht spricht von res omnium, das tschechische von der res communis.

 

Eine politischen Gründen geschuldete Ausnahme bildet seit 1990 das deutsche Recht: Nach § 90a BGB sind Tiere keine Sachen, sie sind aber auch keine Personen: Ihr juristischer Status ist nicht definiert, sie werden dennoch wie Sachen behandelt: Nach § 960 BGB sind Wildtiere „herrenlos“, ihr Status entspricht somit dem der res nullius. Dieser Status soll jedoch in einer Erneuerung und Überarbeitung des Tierschutzgesetzes geändert werden.

 

Vor allem Jagdrechtlich stellen sich folgende Fragen:

 

  • Wie werden wilde Tiere von den nicht-wilden abgegrenzt und welche von diesen

sind jagdbar?

  • Welchen Grad an Schutz genießen wilde Tiere?
  • Welche Vorschriften sind einzuhalten, wenn nachfolgend aufgezählte Tierarten

verletzt / verwaist aufgefunden werden?

 

Frankreich, die Schweiz und Portugal teilen die Gesamtheit aller wilden Tiere in

zwei Kategorien ein:

 

- solche, die zur Jagd freigegeben sind und

- solche, die geschützt sind.

 

Der Schutzgrad variiert dabei jedoch je nach Tierart. Das norwegische Recht folgt einem präventiven Verbot mit Erlaubnisvorbehalt, das heißt die Jagd ist grundsätzlich untersagt, jedoch für einzelne Tierarten ausnahmsweise freigegeben. Das norwegische Recht kennt ebenso wie das portugiesische und das marokkanische Recht noch eine dritte Kategorie von Tieren: schädliche Tiere; ihre Definition stimmt allerdings in den drei Ländern nicht überein.

 

 

3. “Wild” in Deutschland

 

Im § 1 des Bundesjagdgesetzes (BJagdG) werden wildlebende Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen, als Wild definiert. Im § 2 werden die zugehörigen Wildarten aufgelistet. Nachfolgend ein Auszug aus der Liste der Tierarten, die laut Bundesjagdgesetz dem Jagdrecht unterliegen und somit rechtlich „Wild“ sind:

 

1. Haarwild:

 

Wisent (Bison bonasus L.),

Elchwild (Alces alces L.),

Rotwild (Cervus elaphus L.),

Damwild (Dama dama L.),

Sikawild (Cervus nippon TEMMINCK),

Rehwild (Capreolus capreolus L.),

Gamswild (Rupicapra rupicapra L.),

Steinwild (Capra ibex L.),

Muffelwild (Ovis ammon musimon PALLAS),

Schwarzwild (Sus scrofa L.),

Feldhase (Lepus europaeus PALLAS), unterschiedlicher Schutzstatus

Schneehase (Lepus timidus L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus L.),

Murmeltier (Marmota marmota L.),

Wildkatze (Felis silvestris SCHREBER), streng geschützt

Luchs (Lynx lynx L.), streng geschützt

Fuchs (Vulpes vulpes L.),

Steinmarder (Martes foina ERXLEBEN),

Baummarder (Martes martes L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Iltis (Mustela putorius L.),

Hermelin (Mustela erminea L.),

Mauswiesel (Mustela nivalis L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Dachs (Meles meles L.),

Fischotter (Lutra lutra L.), streng geschützt

Seehund (Phoca vitulina L.); unterschiedlicher Schutzstatus

 

2. Federwild:

 

Rebhuhn (Perdix perdix L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Fasan (Phasianus colchicus L.),

Wachtel (Coturnix coturnix L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Auerwild (Tetrao urogallus L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Birkwild (Lyrurus tetrix L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Rackelwild (Lyrus tetrix x Tetrao urogallus),

Haselwild (Tetrastes bonasia L.),

Alpenschneehuhn (Lagopus mutus MONTIN), ganzjährig geschützt

Wildtruthuhn (Meleagris gallopavo L.),

Wildtauben (Columbidae),

Höckerschwan (Cygnus olor GMEL.),

Wildgänse (Gattungen Anser BRISSON und Branta SCOPOLI),

Wildenten (Anatinae),

Säger (Gattung Mergus L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Waldschnepfe (Scolopax rusticola L.), unterschiedlicher Schutzstatus

Bläßhuhn (Fulica atra L.),

Möwen (Laridae),

Haubentaucher (Podiceps cristatus L.),

Großtrappe (Otis tarda L.), streng geschützt

Graureiher (Ardea cinerea L.),

Greife (Accipitridae), ganzjährig geschützt

Falken (Falconidae), ganzjährig geschützt

Kolkrabe (Corvus corax L.). ganzjährig geschützt

 

Die Bundesländer können weitere Tierarten bestimmen, die dem Jagdrecht unterliegen. So unterliegen zum Beispiel in Hessen auch Waschbär, Marderhund, Amerikanischer Nerz, Nutria (Sumpfbiber), Rabenkrähe und Elster dem Jagdrecht.

Zum Schalenwild gehören Wisente, Elch-, Rot-, Dam-, Sika-, Reh-, Gams-, Stein-, Muffel- und Schwarzwild.

Zum Hochwild gehören Schalenwild außer Rehwild, ferner Auerwild, Steinadler und Seeadler. Alles übrige Wild gehört zum Niederwild.

 

 

4. Strafrechtlicher Hintergrund

§292 StGB “Jagdwilderei”

 

(1) Wer unter Verletzung fremden Jagdrechts oder Jagdausübungsrechts …

 

1. dem Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich oder einem Dritten zueignet oder

2. eine Sache, die dem Jagdrecht unterliegt, sich oder einem Dritten zueignet, beschädigt oder zerstört,

 

wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

 

(2) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren.

 

Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn die Tat …

 

1. gewerbs- oder gewohnheitsmäßig,

2. zur Nachtzeit, in der Schonzeit, unter Anwendung von Schlingen oder in anderer nicht weidmännischer Weise oder

3. von mehreren mit Schußwaffen ausgerüsteten Beteiligten gemeinschaftlich begangen wird.

 

5. Was bedeutet das für (Erst)Helfer am Fundort?

 

1. Polizei informieren und fragen, wer der am Fundort zuständige Jäger, Jagdpächter oder Jagdsausübungsberechtigte ist.

 

2. Ein Wildtier, welches unter vorgenannte Definition fällt und in der Liste der Wildtiere nach § 2 BJagdG steht, darf unter keinen Umständen “einfach” eingepackt und mitgenommen werden, ohne dass nicht zumindest die Polizei – unter Angabe der eigenen Personalien und Erreichbarkeiten – darüber informiert wurde. Darüber hinaus muss der weitere Verbleib geklärt werden, da Wildtiere nicht in Privathaushalten dauerhaft untergebracht werden dürfen.

 

3. Es können im Notfall auch entsprechende staatlich anerkannte Hilfseinrichtungen (Wildtierrettungsstationen) informiert werden, die dann ihrerseits den Meldevorgang an die Behörden und Jäger übernehmen sowie auch die Pflege, Behandlung und natürlich auch die nicht unerheblichen Kosten.

 

5.1 Darf ich ein notleidendes Tier “erlösen”?

 

§ 1 Tierschutzgesetz (TierSchG)

 

Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

 

§ 4 Tierschutzgesetz (TierSchG)

 

(1) Ein Wirbeltier darf nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden. Ist die Tötung eines Wirbeltieres ohne Betäubung im Rahmen weidgerechter Ausübung der Jagd oder auf Grund anderer Rechtsvorschriften zulässig oder erfolgt sie im Rahmen zulässiger Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen, so darf die Tötung nur vorgenommen werden, wenn hierbei nicht mehr als unvermeidbare Schmerzen entstehen. Ein Wirbeltier töten darf nur, wer die dazu notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten hat.

 

(1a) Personen, die berufs- oder gewerbsmäßig regelmäßig Wirbeltiere zum Zweck des Tötens betäuben oder töten, haben gegenüber der zuständigen Behörde einen Sachkundenachweis zu erbringen. Wird im Rahmen einer Tätigkeit nach Satz 1 Geflügel in Anwesenheit einer Aufsichtsperson zum Zweck des Tötens betäubt oder getötet, so hat außer der Person, die die Tiere betäubt oder tötet, auch die Aufsichtsperson den Sachkundenachweis zu erbringen. Werden im Rahmen einer Tätigkeit nach Satz 1 Fische in Anwesenheit einer Aufsichtsperson zum Zweck des Tötens betäubt oder getötet, so genügt es, wenn diese den Sachkundenachweis erbringt. Die Sätze 1 bis 3 gelten nicht für das Betäuben zum Zweck des Tötens und das Töten von Wirbeltieren, die zur Verwendung in Tierversuchen bestimmt sind oder deren Organe oder Gewebe dazu bestimmt sind, zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet zu werden. …ff.

Was bedeutet diese Definition für den Ersthelfer?

 

Wenn ein Wildtier durch einen Autounfall zu Schaden kommt, ist sofort die Polizei zu verständigen. Diese informiert dann den zuständigen Jäger, Jagdpächter oder Jagdausübungsberechtigten. Ist ein Wildtier nach Kollision flüchtig, ist der zuständige Jäger verpflichtet alles zu unternehmen, dass sicherstellt, dass das verunfallte Tier nicht qualvoll verendet (Nachsuche mit Jagdhunden).

 

Erlösen oder Töten darf das noch lebende, verunfallte Tier nur die Polizei, der hinzugerufene Jäger, Jagdpächter oder Jagdausübungsberechtigte oder ein durch Zufall am Unfallort erscheinender Tierarzt.

 

 

6. Weitere Hinweise …

 

Bei aller Hilfsbereitschaft und lobenswertem Einsatz für notleidende Wildtiere, sollten jedoch nicht die Bedürfnisse der Kreatur aus dem Auge verloren werden. Ein Wildtier gehört in die Natur und nicht zwanghaft in einen Haushalt. Spätestens wenn Wildtierbabys erwachsen werden, stellen sie die meist unfreiwilligen Tierretter vor gewaltige Probleme: Sie beginnen, den Hausrat zu zerstören, zu beißen und zu kratzen, die eigenen Haustiere anzugreifen. Das ist eine Reaktion auf fehlende Artgenossen sowie auf genügend Beschäftigung und Bewegungsfreiheit.

 

Die Anzeichen einer Verhaltensstörungen (Hospitalismus) sind sehr vielfältig und je nach Art unterschiedlich ausgeprägt.

 

Die Prägung auf den Menschen, und möglicherweise auch auf Haustiere, sind für ein Wildtier die schlimmsten aller Qualen, die das Tier erleiden muss. Ein solch fehlgeprägtes Tier kann man nicht einfach raus in den Wald bringen; dort wird es qualvoll verhungern und sterben.

 

Die Vorbereitung auf ein Leben in Freiheit beginnt bereits bei der richtigen Aufzucht. Das bedeutet, dass ein Wildtierbaby auf keinen Fall mit im Haushalt lebenden Haustieren in Kontakt kommen darf. Ein Fuchs oder Rehkitz, welches einen Hund zum “Freund” hat, ist in der Natur hoffnungslos verloren, weil es dem ersten “wildernden oder freilaufenden” Hund in die Fänge gerät, da der natürliche Fluchtinstinkt verloren ist.

 

Ähnlich ist es mit Eichhörnchen, Bilchen, Enten Gänsen oder anderen Vögeln, die an im Haushalt lebende Katzen gewöhnt sind. Spätestens eine fremde, wildernde Katze macht dem liebevoll aufgezogenen Zögling bei dem ersten Freigang den Garaus.

 

 

7. Wildtierseuchen …

 

§ 24 Wildseuchen (BJagdG)

 

Tritt eine Wildseuche auf, so hat der Jagdausübungsberechtigte dies unverzüglich der zuständigen Behörde anzuzeigen; sie erläßt im Einvernehmen mit dem beamteten Tierarzt die zur Bekämpfung der Seuche erforderlichen Anweisungen.

 

Da den wenigsten die Erscheinungsformen von Wildseuchen / Wildkrankheiten (Zoonosen) sowie entsprechende Schutzmaßnahmen bekannt sind, empfehlen wir bei Fragen und Unsicherheiten auf jeden Fall eine telefonische Rückfrage mit Wildauffang- / -pflegestationen.

 

Die meisten Tierheime dürfen – soweit sie nicht über einen separaten Bereich verfügen – keine Wildtiere aufnehmen, da die Gefahr der Übertragung von Wildtierseuchen auf Haustiere zu groß ist.

 

Dies gilt auch beim unbedachten Mitnehmen von erkrankten Wildtieren wie z. B. von Wildkaninchen mit Myxomatose, Tauben (auch andere Vögel) mit Trichomonaden, Fuchs mit Räude o.ä.. Bei mangelnder Hygiene können die beispielhaft genannten Krankheiten nicht nur auf im eigenen Haushalt lebende Haustiere, sondern auch auf den Menschen übertragen werden.

 

Das sofortige Erkennen eines so erkrankten Tieres, ist in den meisten Fällen nur Fachleuten bzw. Tierärzten möglich.

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